T. Duraisamy
Wahrhaftige Wahrsager?
Stella Brikey hat ihr Schicksal herausgefordert und verschiedene Wahrsager in Madurai getroffen. Mit Spannung hat sie vernommen, was ein Papagei, ein Handleser, ein Nadi-Astrologe und ein Mann mit Kaurimuscheln über ihre Zukunft, ihre Gegenwart und ihre Vergangenheit zu erzählen hatten – mit teils schockierenden Ergebnissen! Ob sie an Wahrsagerei glauben soll oder nicht, weiβ sie nach diesen Begegnungen noch immer nicht. Doch eins ist sicher: Ein Blick in die Zukunft ist verdammt amüsant!
Der Nadi-Astrologe sucht nach meinem persönlichen Palmenblatt. Ob ich ihm trauen kann?
Indien, das Land der Mythen und Wunder! Nirgendwo sonst trifft man auf so viele unterschiedliche Wahrsager und vermeintliche Zauberer: Allein in der Gegend um den berühmten Meenakshi-Tempel in Madurai arbeiten etwa 1000 von ihnen, darunter z.B. Handleser, wahrsagende Papageien und Nadi-Astrologen. Aber ist das, was sie wahrsagen, wirklich wahr? Wodurch unterscheiden sich gute Wahrsager von schlechten Wahrsagern?
Tag 1: Ich durchquere eine Gasse voller Bettler mit ausgestreckten Händen und stehe vor dem berühmten Alagar-Tempel, etwa eine Autostunde (20 km) von Madurai entfernt. Hier wimmelt es nur so von durchgeknallten, unberechenbaren Affen! Irgendwo hier soll ein Mann mit einer magischen Ratte leben. Ich finde den gesuchten legendären Wahrsager dösend unter einem blätterlosen Baum, gleich neben einer Gruppe Bettler. Doch als ich ihn anspreche, brummt er nur: "Ich bin krank, komm morgen wieder", und döst seelenruhig weiter.
Der Handleser
Tag 2: Heute besuche ich einen sonderbaren Tempel namens Kattunaiyakar, der Tempel der Göttin Jakkamma und des Gottes Pandi. Hier soll es von Astrologen nur so wimmeln. Der Tempel befindet sich in einer von Madurais eher düsteren Gegenden voller Prostitution, Alkoholismus und Kriminalität. Meine Schuhe lasse ich im Auto. Als ich den Tempel betrete, komme ich kaum vorwärts, denn überall auf dem Boden liegen, sitzen oder essen Gläubige! Es gibt sogar einige Verkaufsstände, an denen man kleine Opfergaben für die Götter erwerben kann: Alkohol und Zigaretten. Eine Frau berührt die Tempelwand, fällt in Trance und beginnt zu kreischen. Der Gott Pandi sei in sie gefahren und habe sie besessen! Gleich daneben werden einigen Jungen ritualgemäβ die Köpfe kahl geschoren. Der gesamte Boden ist voller schwarzer Haare - und Schlamm. Und ich bin barfuβ. Zu meiner Linken sehe ich ein Tuch voller Ziegenköpfe, die noch zucken. "Du solltest nicht allein oder im Dunkeln hierher kommen", hatte ein Mitarbeiter von Projects Abroad mich vorab gewarnt.
Nach kurzer Zeit spricht mich eine dunkelhäutige ältere Frau in einem gelben Sari an. Kaliamman, so ihr Name, ist Handleserin und bereit, mir für 20 Rupien meine Zukunft vorherzusagen. Ich bin einverstanden. Sie nimmt meine rechte Hand und beginnt zu lesen: "Die Lage der Planeten ist schlecht für dein Horoskop. Du warst in letzter Zeit sehr unglücklich und hattest Probleme in deinem vorherigen Job. Deshalb bist du nach Indien gekommen." (Volltreffer!) Sie fährt fort: "Du solltest nicht heiraten, weil du groβe Schwierigkeiten mit deinem jetzigen Freund hast. Du musst einen anderen Mann finden. Mit ihm wirst du fünf Kinder oder mehr bekommen und sehr glücklich werden."
Die Fähigkeit, in meiner Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu lesen, erhält Kaliamman von der Göttin Jakkamma: "Alles, was ich sage, wird wirklich geschehen, weil ich die göttliche Macht auf meiner Zunge trage." Selbst ausgesucht hat sie sich diesen Beruf nicht. "Ich stamme aus der Kaste der Wahrsager. Mein Vater war Wahrsager, mein Groβvater war Wahrsager. Auch meine Enkel werden Wahrsager sein, selbst wenn sie zur Universität gehen und Medizin studieren. Sie werden immer wieder an diesen Ort zurückkehren und als Wahrsager arbeiten. Unsere Vorfahren wurden vor 5000 Jahres zum Wahrsagen auserwählt. Es ist unser Schicksal."
Kaliamman arbeitet immer sechs Monate lang, während ihr Mann für die Kinder sorgt. Dann wird getauscht. Sie liebt ihre Arbeit, doch der Kattunaiyakar-Tempel ist kein sicherer Ort. Viele Reiseführer warnen Touristen und raten ihnen, sich von dort fernzuhalten. Kaliamman hat jeden Tag etwa fünfzig Kunden. Von allen Wahrsagern, die ich in und um Madurai getroffen habe, sind ihre Preise die günstigsten. "Mir geht es nicht um das Geld. Ich arbeite für die Götter." Mit diesen Worten verschwindet sie wieder in der Menschenmenge.
Authenzität: +++
Glaubwürdigkeit: ++
Preis: ++++
Die Prophezeihung des Papageis
Paneer Selvam (48) arbeitet in der Nähe des Kattunaiyakar-Tempels. Sein Arbeitsplatz: eine kleine Hütte vor einem leeren Ladengeschäft. Sein Medium: ein grüner Papagei. Paneer selbst trägt einen orangefarbenen Dhoti. Sein Oberkörper ist nackt und auf seinem Arm prangt eine Schlangentätowierung. Er tut sehr beschäftigt. "50 Rupien, 50 Rupien", verkündet er anstelle von "Guten Tag". Ich bin einverstanden, setze mich und verrate ihm meinen Namen und mein Alter. Sofort beginnt er zu trommeln und seinen Papagei aus dem Käfig zu locken.
In der Zwischenzeit versammeln sich viele schaulustige Menschen um uns herum und sehen zu. Paneer öffnet den Käfig und verrät dem Papagei meinen Namen. Dieser wählt eine Karte aus: Kali, die Göttin des Todes. "Du wirst in Zukunft viel Erfolg haben", interpretiert Paneer. "Deine Reise nach Indien hast du sorgfältig geplant. Kali sagt, dass du im Ausland auf groβartige Möglichkeiten stoβen und später einmal Geschäfte in Übersee betreiben wirst. Diese Erfahrung wird dir einen guten Job bescheren. In genau 30 Tagen wirst du ein Angebot bekommen und sehr erfolgreich werden!"
Danach muss ich selbst eine Karte auswählen: Wieder ist es Kali! Ich habe also dieselbe Karte wie der Papagei erwischt. Paneer ist begeistert: "Du wirst ein gutes Leben mit deiner Familie haben. Du wirst im Ausland heiraten - aber dein Ehemann wird nicht dein jetziger Freund sein!"
Interessant, aber warum sollte ich einem dressierten Papageien vertrauen? Es ist nur ein dummer Vogel! "Jeder Gott spricht auf seine eigene Weise zu den Menschen", erklärt Paneer, "und Pandi spricht zu mir durch den Papagei. Ich habe 3000 Rupien für ihn bezahlt. Mit dem Wahrsagen habe ich begonnen, als ich 17 Jahre alt war. Ich bin sehr glücklich mit meinem Job." – "Was auch immer du tust, dein Job ist dein Gott!"
Authenzität: ++
Glaubwürdigkeit: +
Preis: +++
Der Nadi-Astrologe
Tag 4: Dank der Beziehungen meines Projects Abroad-Koordinators habe ich einen Termin bei einem Nadi-Astrologen ergattert. Die Nadi-Astrologie basiert auf Palmenblättern. Ich hatte mich vorher im Internet darüber informiert, doch nicht alle Berichte klangen positiv. Einer der berümtesten Nadi-Astrologen in Madurai ist ein Mann namens Bharathiraja. Ich habe hohe Erwartungen an meine Begegnung mit ihm!
Nadi-Astrologie geht von der Annahme aus, dass weise Hindus wie z.B. Agasthya vor langer Zeit Informationen auf uralten heiligen Palmenblättern niedergeschrieben haben. Verbreitet wurde dieses astrologische Konzept von den Astrologen des Vaideeswaran Koil-Tempels, der sich in der Nähe von Chidambaram in Tamil Nadu befindet. Noch heute praktizieren ihre Nachfahren das Wahrsagen mit Palmenblättern.
In der tamilischen Sprache bedeutet Nadi "kommen und suchen". Ein erfahrener Nadi-Astrologe kann in den uralten Palmenblättern die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Suchenden lesen. Das Erstaunliche ist, dass das Blatt eines Mensch nur dann gelesen wird, wenn es für genau diesen Zeitpunkt seines Lebens vorherbestimmt ist. Somit steht nicht jedermanns Leben in den Blättern geschrieben. Tatsächlich sind sich Nadi-Astrologen sicher, dass die "Palmenblatt-Bibliothek" nur eine bestimmte Anzahl von menschlichen Schicksalen umfasst. Genau wie bei Nostradamos sind die Vorhersagen in Versform geschrieben, und es obliegt dem Nadi-Astrologen, diese Verse bestmöglich zu interpretieren.
Bharathiraja lebt in einem hübschen grünen Haus am Fluss. Mit seinem blauen Hemd sieht er nicht wie ein Guru oder besonders weiser Mensch aus, sondern eher wie ein gewöhnlicher Beamter. Keine Räucherstäbchen, kein mystisches Tamtam. Stattdessen klingelt ständig sein Handy! Er fragt nach meinem linken Daumenabdruck, meinem Namen und meinem Geburtsdatum. Anschlieβend bombardiert er mich mit weiteren Fragen ("Lebt dein Vater noch?" "Bist du das erstgeborene Kind?" "Arbeitet deine Mutter in einer Schule?"), deren Reihenfolge von den Versen auf den Blättern abhängt. Er versucht, das für mich passende Blatt zu finden; seine Fragen darf ich nur mit Ja oder Nein beantworten. Zehn Minuten dauert dieses Interview.
Nach einiger Zeit hört Bharathiraja plötzlich auf zu fragen und sagt: "Der Name deiner Mutter ist PETRA." (Richtig!) "Dein Vater heiβt CHRISTIAN." (Richtig!) "Dein Name ist STELLA." (Richtig!) "Dies ist dein Palmenblatt!" Daraufhin muss ich sein Büro für eine Dreiviertelstunde verlassen, denn er möchte den Inhalt meines Palmenblattes für mich auf einen Zettel abschreiben sowie auf Kassette aufnehmen. Anschlieβend liest er mein Palmenblatt vor:
(+ Richtig, - Falsch)
• Du bist das erstgeborene Kind von Christian und Petra. +
• Deine Eltern leben beide noch. +
• Du hast eine Schwester, die Studentin ist. +
• Du arbeitest als Reporterin. +
• Du warst in den letzten drei Jahren unglücklich. –
• Du hattest viel Stress und warst in deinem Beruf nicht glücklich.
• Du hast Probleme mit deinem Freund. –
• Dein Hauptproblem im Job war ein/e Kollege/in. +
• Im Alter von 28 Jahren wirdt du sehr erfolgreich werden.
• Du wirst ein groβes Auto fahren und ein groβes Haus haben.
• Mit 35 Jahren wirst du gläubig werden und regelmäβig in die
Kirche gehen.
• Dein Vater ist Inhaber einer Kneipe. –
• Dein Vater trägt eine Brille. +
• Im Alter zwischen 32 und 35 Jahren wirst du heiraten.
• Dein Ehemann und du werdet sehr glücklich werden.
• Mit 75 Jahren wirst du wie eine Königin leben.
• Mit 82 Jahren wirst du sterben.
Am Ende muss ich 500 Rupien bezahlen. Ehrlich gesagt bin ich ein bisschen enttäuscht, weil ich so viele von Bharathiraja Fragen mit Nein beantworten musste. Und trotzdem hat er mir auf fast schon unheimliche Weise die Namen meiner Eltern sagen können.
"Für etwa 80 % meiner Kunden finde ich das passende Palmenblatt, das vor 6000 Jahren für sie beschrieben wurde", erzählt Bharathiraja. "Ich bin nur derjenige, der es heraussucht und es ihnen vorliest." Wurde er schon einmal von jemandem ein Lügner genannt? "Ich spreche nie mit Leuten über meine Arbeit, die nichts davon hören wollen. Die Menschen kommen freiwillig zu mir."
Authenzität: ++
Glaubwürdigkeit: ++
Price: +
Glauben oder nicht glauben, das ist hier die Frage! Die Vorhersagen meiner Wahrsager waren entweder ziemlich genau oder völlig falsch. Manchmal war ich enttäuscht, manchmal auch erschrocken über die Treffgenauigkeit. Schlieβlich kannte einer der Wahrsager sogar die Vornamen meiner Eltern! Sie alle wussten, dass ich Schwierigkeiten in meinem vorherigen Job hatte. Reiner Zufall oder wahre Weissagungen?
Mein Gesamteindruck sagt mir, dass man Wahrsagern nicht blind vertrauen darf. In jeder auslegend-interpretierenden Wissenschaft hängt die Genauigkeit stets von der Person ab, die interpretiert. Wie überall sonst gibt es in der Wahrsagerbranche sowohl Menschen, die es ehrlich meinen, als auch schwarze Schafe, die die Leichtgläubigkeit ihrer Opfer ausnutzen. Alle Wahrsager durchweg als Scharlatane zu verurteilen, wäre folglich ungerecht. Nur eins steht fest: Wahrsagerei kann wirklich Spaβ machen!
This month, Ariane Lecuyer (France) and Leonie Rodenbuecher (Germany) met Dr. Jesuraj Mascarenas of the Pasam Trust - an extraordinary surgeon who dedicates his life to providing healthcare to people living in poverty in rural areas around Kodaikanal, Tamil Nadu; and James Lees (Australia) spends "A Day in the Life of a Rickshaw Driver" - the first in a new series that explores the professions of Madurai's people.
A Black and White Era in Journalism
A Glorious Architectural Heritage
